Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797 die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“, welche M. L. Hoffmann mit Recht dem Charles de Villers zuschreibt. Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis de Sade wurde im Jahre 1877 von A. P. Malassis veranstaltet, der wir in der Analyse folgen.[659]
Villers erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine. Speziell ist er von einer Dame zur Lektüre des Buches und zum Bericht über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die „grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es war ohne Zweifel unserem Jahrhundert vorbehalten, es hervorzubringen. Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen Erschütterungen concipiert werden, die Frankreich heimgesucht haben. Es ist eine der widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis, eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. 14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte Grausamkeit. Es giebt Werke, die von den Grazien inspiriert zu sein scheinen. Dieses haben die Furien inspiriert. „Es ist mit Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, was Robespierre unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, als Couthon, Saint-Just, Collot, seine Minister, der Mordthaten und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ (S. 16.)
Villers setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen Theorien des Marquis de Sade auseinander und sagt, dass dieses Buch „alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur auf Scheusale wie Robespierre und Couthon Eindruck machen könne, nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. „Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische Hoffnung!
Villers kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge enthalte, und dass es sogar das Theorem in Boileau’s „Art poétique“ verleugne:
Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,
Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22–23.)
Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen Villers ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.
4. Despaze.
Der Dichter Despaze (gestorben 1814) erwähnt den Marquis de Sade ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren als Verkünder seiner schrecklichen Theorien: