wurden besonders von der Firma Gay und Doucé in Brüssel Neudrucke veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150 Francs, die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem deutschen Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise von 120 Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und „Aline et Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute noch trotz ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen Westens verbreitet und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia verbo) geheimer Bordelle und vornehmer Absteigequartiere. So fand der frühere Chef der Pariser Sittenpolizei, Macé, in einer „maison de rendez-vous“ einer Wittwe F.... in der pornographischen Bücher- und Bildersammlung auch die „Justine“ des Marquis de Sade.[644]

Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen Schilderungen im Druck ungleich verderblicher wirken als das gesprochene Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen auf zwei Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf das Gehör. Lino Ferriani hat in einer wertvollen Schrift[645] sich eingehend mit dem namenlosen Schaden beschäftigt, den die pornographischen Schriften und Bilder in jungen Seelen anstiften.

Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften — ein Uebel, das fortzeugend Böses gebärt — zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten sexuellen Perversionen miterzeugen helfen. Schon der heilige Basilius sagte in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer sich an schlechte Lektüre gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen That.“ Höchst bemerkenswert ist das Geständnis des berüchtigten Marschalls Gilles de Rais, der erzählt, dass er in der Bibliothek seines Grossvaters einen Sueton gefunden und darin gelesen habe, wie Tiberius, Caracalla und andere Caesaren Kinder gemartert hätten. „Sur quoi je voulus imiter les dits Césars, et le même soir me mit à le faire en suivant les images de la leçon et du livre[646]. Ein Masochist erklärt in seiner von von Krafft-Ebing mitgeteilten Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften des Sacher-Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei Disponierten beigetragen haben“[647]. Auch Eulenburg warnt davor, den „vergiftenden Einfluss der überhandnehmenden pornographischen Litteratur und einer gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes sensationelle Verbrechen, zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl. berichtet, zu unterschätzen.“[648]

Es ist sicher, dass die Schriften des Marquis de Sade noch heute auf schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst Janin so dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass Saint-Just sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen Grausamkeiten hat inspirieren lassen, und dass Napoléon I. die Lektüre der Sade’schen Werke seinen Soldaten verboten hat[650], so kann nicht bezweifelt werden, dass die Schriften praktische Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort und fort die in ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei gewissen Lesern hervorrufen. Was Sade für das vornehme Wüstlingstum ist, das sind manche entsetzlichen Hintertreppenromane, die die schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die Lustmörder und Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke. Man forsche nur nach, und man wird mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch auf die Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches erklären können, was sonst unerklärlich sein würde.

2. Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“.

Zwei bedeutende französische Schriftsteller, Rétif de la Bretonne und Charles Villers eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“. Zunächst beschäftigen wir uns mit Rétif’s „L’Anti-Justine, ou les délices de l’amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“ Au Palais-Royal 1798, chez feue la veuve Girouard, très-connue. (2 Bände in 12o.) Auf dem Titel werden 60 Bilder angegeben, die aber nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die Rétif in der Vorrede ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. Monselet glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt worden sei, nach dem Bibliophilen Jacob giebt es aber sechs bekannte Exemplare dieses Werkes, das Rétif in seiner kleinen Druckerei fertigstellte. Drei zum Teil unvollständige von diesen sechs Exemplaren besitzt die Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser Nationalbibliothek, welche aus der grossen Confiscation stammen, die der erste Consul im Jahre 1803 bei den Buchhändlern des Palais-Royal und in den Bordellen vornehmen liess, wobei bestimmt wurde, dass zwei Exemplare jedes pornographischen Werkes auf der Nationalbibliothek secretiert werden sollten; die übrigen wurden vernichtet.[651] Eins von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein reicher englischer Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek des Herrn Cigongne und kam dann in den Besitz des Herzogs von Aumale. Heute ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet wurden, (2 Bände in 18o mit schlechten kolorierten Lithographien; die anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12o mit Gravuren) sehr verbreitet[652]. Rétif veröffentlichte das Werk unter dem Namen des bekannten Advokaten Linguet, den er als Jean Pierre Linguet die Erklärung abgeben lässt, dass er dieses „schlechte Buch“ in guter Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der Verfasser der „Cacomonade“ nicht Jean Pierre, sondern Simon Nicolas Henri Linguet.

Nach Monselet enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus dem eignen Leben Rétifs und bildet ein Supplément zum „Monsieur Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei einigen die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ — „Des Conditions du Mariage“ — „Du Dédommagement“ — „Du chef-d’œuvre de tendresse paternelle“ — „D’une nouvelle Actrice“. — Das Buch strotzt von Obscönitäten, die aber nach Rétif einen moralischen Zweck verfolgen und eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“ bilden sollten. „Il est destiné à ramener les maris blases auxquels les femmes n’inspirent plus rien. Tel est le but de cette étonnante production que le nom de Linguet rendra immortelle.“ Er will die Frauen vor der Grausamkeit bewahren. Die „Anti-Justine“ ist deswegen ebenso obscön wie die „Justine“, damit die Männer für diese einen Ersatz ohne die Grausamkeiten des Sade’schen Werkes haben. Er hält die Publikation dieses „Antidots“ für dringend notwendig (urgente). Es muss also damals wohl die Verbreitung der „Justine“ eine ausserordentliche gewesen sein. Rétif erklärt endlich noch in der cynischsten Weise die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk beigegeben werden sollten.[654]

3. Charles de Villers.[655]

Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt der edle Karl von Villers, der wie Adalbert von Chamisso der Unsrige geworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein. Charles François Dominique de Villers, geboren den 4. November 1765 in dem lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck von seiner Freundin Dorothea Schlözer, der Tochter des berühmten Göttinger Historikers und der ersten deutschen Frau, die (am 17. September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie) erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt wurde, dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen Senators Rodde war. Diese Frau erschloss unserem Villers das Verständnis für deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung dieses Mannes, der für die direkten geistigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über Luther, Kant und über die Provinz Westfalen sicher mehr gethan hat als Chamisso, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu erinnern, dass Goethe von Villers in einem Brief an Reinhard sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] Viller’s Beispiel hat bekanntlich Benjamin Constant und Frau von Staël zu gleichen teutophilen Bestrebungen ermuntert.

Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter Villers war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft bekannt zu machen. Besonders war Hamburg auch schon vor der Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier gaben Bandus (Marie Jean Louis Amable de Bandus, lebte von 1791 bis 1802 in Hamburg), Boudens de Vanderbourg und Villers vom Januar 1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]