18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche Andeutungen, dass Sade in ihnen vorzüglich Tendenzschriften gegen das ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere scheinbare Inkonsequenzen — beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I, 141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an Ausschweifungen (Juliette III, 283–284) — vorkommen.
20. Sade zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als philosophischer Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig. Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis de Sade war nicht geisteskrank. Er war eine vielleicht durch Heredität neuropathische Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe geistige Begabung zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den philosophischen Deduktionen seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von geistiger Schwäche deutlich hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein Gemälde der Zeit entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von Sade’s berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen Sade als Persönlichkeit und Sade als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die Einbildungskraft sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten. Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien sexuelle Orgien, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es nicht erwiesen ist, dass der Marquis de Sade die Thaten eines Gilles de Retz, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen möchten, wie Eulenburg dies thut, oder diejenigen eines Charolais ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen Zustandes Sade’s, die sich im ganzen mit der Eulenburg’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]
V.
Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert.
1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade.
Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen Schriften des Marquis de Sade wenigstens unter dem Direktorium öffentlich verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und in den Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt es nicht Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke unter Napoleon I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige Nachdrucke sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue Konfiskationen vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember 1843[637] trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem Besitze dieser berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert suchten sogar die Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen, weil sie dann sicher waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden. Lalanne erzählt davon ein ergötzliches Beispiel.[638] Unser Goethe sah auf dem Frankfurter Marktplatz einen verbotenen französischen Roman verbrannt werden, und ruhte nicht eher, als bis er ein Exemplar erlangt hatte. Dabei war nach seiner Erzählung dieses Exemplar durchaus nicht das einzige, welches nach dieser Exekution gekauft wurde.[639]
Bereits im Jahre 1797 schreibt Villers über die Verbreitung der „Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man verlangt es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden vergriffen, neu aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift, in verhängnisvollstem Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren die Schriften de Sade’s verbreitet. Villers sah in Lübeck bei einem Buchhändler „noch drei Exemplare“. Hamburg, wo Villers seine Abhandlung für den dort erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war der hauptsächlichste Ort für den Druck und Nachdruck der französischen erotischen und pornographischen Autoren. Janin schildert im Jahre 1834 in anschaulicher Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften des Marquis de Sade unter dem ersten Kaiserreich und unter der Restauration waren. Und er wagt auch nur von ihnen zu sprechen, weil er weiss, dass seine Leser diese Werke längst kennen. „Denn, man täusche sich nicht darüber, der Marquis de Sade ist überall; er ist in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter anderen unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht bei der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis de Sade gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten verbreitet.“[641]
Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis de Sade betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus den Jahren 1791–1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800 Francs.[642] Herr Joachim Gomez de la Cortina in Madrid bezahlte nach der Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908) die 10 Bände der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe Ausgabe findet sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser Buchhändler Techener im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein Pariser Antiquar bot kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de Petit“ dieser Ausgabe für 1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni 1900 S. 123.) In der Neuzeit