9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten, die während des Gefängnislebens Sades’s hervortreten: das Misstrauen, die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis de Sade solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis de Sade, so ergiebt sich Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von Eulenburg hervorgehoben ist der blosse Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details, die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben Michelet und nach ihm Taine („Les origines de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis de Sade als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters, insofern er nach eigener Lektüre und Beobachtung alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. Krafft-Ebing in Form einer wissenschaftlichen Monographie gethan hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis de Sade in Form eines Romans geleistet.
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen kulturhistorischen und zeitgeschichtlichen Wert, indem sie alle Phasen, Nüancen und Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von Sade vorgetragene Theorie des Lasters ist ein Produkt der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat Sade durchaus moralische Ansichten entwickelt.