Wir glauben, dass speziell bei Sade jene Form der Entartung in Betracht kommen könnte, welche Kraepelin als „impulsives Irresein“ bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung krankhafter Neigungen und Triebe eigentümlich ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei ohne klaren Beweggrund. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe entgegen.“ Die geistige Begabung braucht keine schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in schweren Fällen meist Schwachsinn vorhanden. In allen Fällen findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit, eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn, Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den Entwickelungsjahren hervor und zeitigt auch später meist periodische Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach Kraepelin das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, wo wirklich der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. Kraepelin lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben und die Werke des Marquis de Sade mit der Absicht zu untersuchen, daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. Sade war ein Provenzale und besass als solcher das südlich heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die Heredität ist wenig nachweisbar. Doch ist wahrscheinlich, dass Sade die Neigung zum galanten Leben und zur Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb de Sade schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber Sade’s Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass Sade mit 17 Jahren, also im Beginn der Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis de Sade ihren Anfang nahmen.
5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben Sade’s, welche Marciat ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis de Sade bei den beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine körperliche und psychische Schädigung auf Sade ausgeübt hat. (S. oben S. 324.)
8. Dass Sade eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus der Beobachtung des Freundes von Brierre de Boismont hervor.