5. Der Sadismus in der Litteratur.
Der Marquis de Sade hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden. Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis de Sade deutlich erkennen lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der Sade’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach Gay „denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. Toulotte verfasste Roman „Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12o). Das Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de la vertu“ (2 Bände in 8o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug aus der Vorrede des Marquis de Sade aus dessen echter „Justine“. Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr untergeordneten Autor, dem Vielschreiber Raban verfasst und von einem Verleger Bordeaux (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000 Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der Sade’schen Romane direkt gefährlich geworden zu sein scheint, ist Jacques Baron Révérony de Saint-Cyr, wohl der erste sadistische Autor. Er wurde im Jahre 1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn haben die Werke Sade’s offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12o mit 2 Bildern in der Art von Chaillu) schildert er ähnliche grausame Akte aus Wollust wie der Marquis de Sade, hinter dem er aber weit zurückbleibt.[664] Nach Cohen enthalten auch die übrigen Romane dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“ Paris 1797–1798 (2 Bde. in 12o) und „La Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und Doctrine im Genre des Marquis de Sade[665].
„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis de Sade in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von Borel (P. Borel, Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, Capo de Feuillade schrieb, dass die „Lelia“ der George Sand ihm ähnliche Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis de Sade. Proudhon nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige Tochter des Marquis de Sade.[667] Wie wir sahen, hat übrigens Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie Sade entwickelt.
Der französische Sozialist Fourier entwickelt eine sadistische Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur, von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice intégral, und — les mœurs phanérogames![668]
Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf Nordau’s „Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
Baudelaire ist nach Bourget „ein Wollüstling; und Vorstellungen, die bis zum Sadismus verderbt sind, erregen denselben Mann, der den erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) Baudelaire besingt die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
Quelquefois pour apaiser