Ta rage mystérieuse,
Tu prodigues, serieuse,
La morsure et le baiser.[670]
„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von Barbey d’Aurévilly sind eine Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
Echt sadistische Typen schildert Paulhan in seinem Buche „Le nouveau mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57–99). Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den Anblick körperlicher Leiden. Paulhan meint sogar, dass „im Geiste eines Menschen unserer eigenen Zeit eine gewisse Freude daran erwacht, die Ordnung der Natur zu stören, die früher nicht mit solcher Stärke aufgetreten zu sein scheint“.[671]
Aehnliche Theorien werden in Joseph Péladan’s „Vice suprême“, dem „äussersten Laster“ entwickelt.
Die von Sade so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei dem Decadenten Maurice Barrès. Er lässt seine „kleine Prinzessin“ erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie Sade seine Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch Barrès von diesen Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde, sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen hatte.“[672]
J. K. Huysmans rollt in seinem Roman „à rebours“ das Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf. Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert. Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr zu führen. Der Decadent antwortet: „Ich suche einfach einen Mörder anzufertigen. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“
In Huysmans’ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte von Gilles de Rays, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten Jahrhunderts, auf den nach Nordau Moreau de Tours’ Werk über die Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker aufmerksam gemacht hat, und dies giebt Huysmans Gelegenheit, mit Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
Auf einen typischen sadistischen Dichter, der Nordau anscheinend entgangen ist, hat Alcide Bonneau aufmerksam gemacht. Es ist dies Emile Chevé, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“ veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende Verherrlichung des Marquis de Sade und des Sadismus darstellt. Wir zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen Gedichte:[674]