Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses Sachverhaltes sagt Schopenhauer in den „Paränesen und Maximen“: „Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren.“

Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische Methode Hegels, des „Weltphilosophen“, wie ihn C. L. Michelet nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.

Für Hegel ist auch der Begriff der Gattung evolutionistisch.[33] Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. Es ist die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die Gattung wirklich.

In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat, in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die Individuen dieser Generation.

Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. Das Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch nicht weiter. In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter wird die Gattung nicht wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein. Das einzelne Individuum vergeht wirklich, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint, hört nicht auf zu vergehen. So wird vermöge des blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.

Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.

Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt Regel und Selbstzweck.

Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck der Gattung wie der des Individuums.

Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der Individuen, als das wahrhaft Allgemeine. Es gibt nur eine Form, die das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: der Begriff. Es gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen: das Denken. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.

Hier also erscheinen die Begriffe Erzeugen und Erkennen in einem Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits Plato erkannt hat, wenn er Sokrates das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist unsere wahrhaft allgemeine Tätigkeit, unsere wirkliche Gattung, die in uns entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.