So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die Wärme des Gefühls fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]

I.
Das Zeitalter des Marquis de Sade.

Der Marquis de Sade, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen seltsamen, dem Namen nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis de Sade schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die äusseren Bedingungen, das Milieu erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen ausübte. Denn es ist „jedesmal von entscheidender Bedeutung, aus welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-psychologische, sondern nur die sozial-psychologische Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit Sades führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den Marquis de Sade durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der stetigen Wechselwirkung des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft ist diese Hypothese zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten Tatsache erhoben. Hier ist in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie Selbstbestimmung entscheidend, sondern gewohnheitsgemässe Anpassung, das Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen, ohne dass der Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils organische Entwickelungen ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken Hegels, das ist Hegels Lehre vom objektiven Geist, aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des Begriffs“. Hegel, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen der Schopenhauer-Hartmann’schen und Nietzsche’schen Philosophie wird die Sonne Hegel’schen Geistes über der Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. Hegel, nicht Schopenhauer, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.

So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem Abschnitt die Fäden aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis de Sade mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was Sade von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, sondern wir erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit, aus allen innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.

1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.

Sade nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem verderbten Jahrhundert tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat Hegel gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, — ein Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird“. Sind nicht Sades Werke ein getreuer Spiegel dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht schamloses Unrecht?

Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen frivolen Zeitaltern, deren Wesen ein bedeutender Schüler Hegels, Kuno Fischer, in vollendeter Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. Fichte nannte es einst die vollendete Sündhaftigkeit. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus, diese letzte ist die vollendete Sündhaftigkeit des Königtums.

Der Genuss à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in Frankreich der Egoismus so gross wie unter dem ancien régime und während der Revolution. Der Minister Saint-Fond, eine getreue Kopie eines Ministers unter Ludwig XV. sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet Sade charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung. Adolf Schmidt, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus authentischen, zeitgenössischen Dokumenten schöpft, sagt darüber[40]: „Das war der scharf ausgeprägte Egoismus, die Selbstsucht und Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“. Ebenso spricht der berühmte Mercier, der Cicerone Schopenhauers bei dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.

Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in der geschlechtlichen Lust. Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust. Moreau[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.

Wollust! das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die besten Kenner dieser Zeit, Edmond und Jules de Goncourt.[43] Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“