Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die Systematisierung der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis de Sade aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit Sades die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich zusammensetzen.
2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg sensualistisch und materialistisch gerichtet. Sehr drastisch lässt Sade die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der Geschlechtsgenuss!“ Die Philosophie spielt in den Werken Sades eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr grossen Teil der Bücher Sades nehmen langatmige philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben. Dabei verfährt Sade sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B. in einem Atem Spinoza, Vanini und Holbach, den Verfasser des „Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann Buffon (Philosophie dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren Materialismus macht. Die Namen von Voltaire (Juliette I, 88) und Montesquieu (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen. Montesquieu ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An Rousseaus Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint La Mettrie auf Sade ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis de Sade, wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken La Mettries zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der philosophischen Analyse. Hierbei wird La Mettrie ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden La Mettrie den Ideen Sades am nächsten gekommen.
Montesquieu und Voltaire hatten die sensualistische Philosophie Lockes in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus Pierre Bayles die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den englischen Philosophen, sowie bei Voltaire und Montesquieu die sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich Erkenntnislehre blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von La Mettrie und Holbach formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen Kirche und Religion, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt Barruel, ein fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher politische und religiöse Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen Philosophie ist Mirabeau, der leidenschaftliche Anwalt des dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie sehr der Atheismus eines La Mettrie und Holbach[45] ins Volk gedrungen war, beweist folgender von Dutard erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ — „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ — „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott mehr!“ — Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung dessen, was der Marquis de Sade als Einer von Vielen in seinen Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt Cloots, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. — Feierlich schwor am 7. November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof Gobel mit einem Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die Gottheit zu einer Vielheit von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei Sade oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt Sade (Juliette IV, 198) La Mettries Schrift „Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt La Mettrie die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische, religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis de Sade zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis de Sade beizutragen vermögen.
3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.
Die Jugend des Marquis de Sade gehört der Regierungszeit Ludwigs XV. an, sein Mannesalter der Zeit Ludwigs XVI. Er war 34 Jahre alt, als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache Laws unter dem Regenten ihren Anfang nahm, unter Ludwig XV. zu dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter Ludwig XVI. zur Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die Genusssucht und die geschlechtlichen Ausschweifungen des Königtums werden besonders von Sade gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt Moreau mit Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft Ludwigs XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden Goncourts, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie Moreau sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich in seinem berühmten Hirschpark das Vorbild aller geheimen Bordelle, die auch in den Werken des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein König unterhält ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was Sade in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? — Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise de Pompadour für den König eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine gewisse Bertrand, der Lieferant von jungen Mädchen hiess Lebel. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach dem Tode der Pompadour wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die Pompadour, da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war, unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu entstand der sogenannte Hirschgarten (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis de Sade an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was Moreau nach dem „Journal de Barbier“, nach Sismondi u. a. über jene eigentümliche Verknüpfung von Religion und Wollust berichtet, welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] Ludwig XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, La Ferté. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter Ludwig XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als Ludwig XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr La Ferté vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte dann: „Wer sind Sie?“ — „Sire, ich heisse La Ferté.“ - „Was wollen Sie von mir?“ — „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät entgegenzunehmen.“ — „Weshalb?“ - „Weil — weil ich der Intendant — der Menus —“ „Was heisst Menus?“ — „Sire, es sind die Menus-Plaisirs Eurer Majestät“. — „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König den Rücken zu und ging.[58] Ludwig XV. hatte aber an seinen eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
Ludwig XVI. und seine Gemahlin Marie Antoinette sind persönlich von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des Königs, der Graf von Artois in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und Unklugheiten Marie Antoinettes verdächtige und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen Marie Antoinette und ihrem Schwager d’Artois (späteren König Karl X.). Die Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf d’Artois war allerdings ein Hauptteilnehmer an den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie der Herzog von Orléans, Philippe Egalité. Auf den berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf von Artois eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf von Artois, der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt Rétif de la Bretonne, dass im Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von Orléans, der Graf von Artois und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen Infamien hin, welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche Sade schildert.[63] Als die Gemahlin des Grafen d’Artois 1775 in Paris einzog, wurde sie von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine öffentliche geworden war: