Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der Verführung durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel. Schon Seved Ribbing betont, dass nur die Aufklärung, d. h. geistige Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne (a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das wahre Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken, den Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen gelernt. Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand, den W. Stern mit grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen will.[713] Er will die Ethik ganz auf die Gemütswelt basieren. Das ist Utopie. Nur wo der Geist, der Begriff in der Welt herrscht, kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die wahre geistige Natur des Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie hebt es nur mit sich empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt man alles in „einer eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des Wirklichen“.[714] Schön sagt Hegel, dass gerade „aus dem Ueberdruss an den Bewegungen der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur Betrachtung und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder die Liebe, noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und Religion an und für sich vermögen die dem Menschen innewohnende Sehnsucht nach dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen. „Die Seligkeit des Erkennens ist die höchste menschliche Befriedigung, sie ist die unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt; sie ist das, was ich den absoluten Genuss nenne. Die Sehnsucht nach dem Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im Wissen befriedigen; in allen früheren Formen der Befriedigung, in dem natürlichen Genusse, in der Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion, konnte sich das wahre Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede dieser Formen blieb mit einem Widerspruch behaftet, der erst in der Philosophie sich zur vollen Befriedigung auflöste.“[715]
Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen Lebenskünstler Buckle und Lecky. Nach Letzterem versteht es sich von selbst, dass „jeder Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des Vorstellungsvermögens vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden befördert, und ist es ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung im höchsten Grad besitzt. Ein ungebildeter Mensch kann sich von den ihm fremd gebliebenen Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen und Existenzen keine Vorstellung machen, während jede Erweiterung des Wissens eine Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles mit sich bringt. — Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die Vergegenwärtigung des Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt, erleichtert auch die Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen, und erzeugt daher Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der intellectuellen Sympathie ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen und gebildeten Geistes.“[716]
Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, die Sinnlichkeit zu schüren, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des Spinoza als eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
„Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben.“
Was nach dem Tode sein wird, das hat Sokrates in den herrlichen Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber sind im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende und der Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des Septimius Severus gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir unausgesetzt an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist als durch geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die „Seligkeit des Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein Bekenntnis ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des 18. Jahrhunderts, der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich nicht, beneiden Sie vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für glühende und gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen der Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück auf Erden giebt.“
VI.
Bibliographie.
1. Romane und Novellen.
1. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791, 2 Bände in 8o, 283 und 191 Seiten. Titelbild von Chéry. (Erwähnt im Katalog von Pixérécourt unter No. 1239) Neudruck als „Liber Sadicus“ Paris 1884 in 8o 340 Seiten (bei I. Liseux). Auch englisch.
2. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791. 2 Bände in 12o. Kleines Titelbild von Texier. Einige Exemplare dieser Ausgabe enthalten 12 obscöne Bilder mit Totenköpfen, Ketten und Hinrichtungsinstrumenten. Enthält bereits die ersten textlichen Vergröberungen.
3. Justine ou les Malheurs de la vertu, à Londres (Paris, Cazin). 1792. 2 Bände in 16o von 337 und 288 Seiten. Hübsches Titelbild nach Chéry und 5 obscöne Bilder ohne Namen. Aus der geheimen Druckerei von Cazin. Hier sind ganze Szenen umgearbeitet.