Climène. — Obscénité, madame.

Elise. — Ah! mon dieu, obscénité. Je ne sais ce que ce mot veut dire; mais je le trouve le plus joli du monde.

Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, fast jeden Menschen! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine lange Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist Manches „le plus joli du monde.“

Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt, statt dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten sind für die Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der Entartungen des Geschlechtstriebes. Eine traurige Wahrheit spricht Rétif de la Bretonne in der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus, wenn er schreibt: „Fontenelle sagte: ‚Es giebt keinen Kummer, der gegen eine Stunde Lektüre Stand hielte.‘ — Nun ist aber von allen Lektüren diejenige der erotischen Werke die anziehendste (la plus entraînante), besonders wenn dieselben mit ausdrucksvollen (expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die Worte beherzigen, die Emile Zola, dieser freie und grosse Geist, an einen Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den „Doktor Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „Ich schreibe nicht für junge Mädchen, und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne gut ist, die noch in der Entwickelung begriffen sind. — Später, wenn das Leben sie frei macht, werden sie lesen, was sie wollen.“[705] Den verderblichen Einfluss der modernen naturalistischen Litteratur schildert Seved Ribbing in seinem ausgezeichneten Buche über die „sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir jedem Paedagogen empfehlen möchten.[706]

Auch die Kunst hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der Wollust und der sexuellen Perversion gestellt. Seved Ribbing versichert, dass er öfter bei einem Besuche von Studenten oder anderen jungen Männern Wände und Schreibtisch derselben mit Abbildungen mehr oder weniger entblösster Frauen bedeckt gefunden habe, mit Photographien der Fräulein X. und Y., von Kunstreiterinnen, Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne Kleidung in den unglaublichsten Stellungen und Verrichtungen dargestellt sind.“ Rechnet man noch allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit „Cigarrenetuis, Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen eingeschmuggelt, wohl auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt werden, so findet man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise arbeitet.“[707] Nach Eulenburg existiert sogar ein Sadismus in der Kunst oder „mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender Schöpfungen in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt Rodin’s „Pforte der Danteschen Hölle“, Frémiet’s „Gorilla, der ein Weib raubt“, Galliard-Sansonetti’s „Brunhild“, Rochegrosse’s „Andromache“, „Jacquerie“, „Eroberung Babylons“, Albert Keller’s „Mondschein“, Richir’s „Verderbtheit“ und Klinger’s „Salome“.[708] Dass J. J. Winckelmann durch das Studium des griechischen Altertums und der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich bekehrte, ist uns sehr wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm so sehr geliebten „Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur Gewissheit geworden. Hössli sagt in seinem gedankenreichen Werke über den „Eros“[709]: „Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das Studium der Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London, Paris, Rom und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte sein, welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“

Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem überboten durch die direkte Verführung, von der sich behaupten lässt, dass sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen vermag. Tarnowsky erklärt paederastische Kreise als „mächtige Centren für die Propaganda der Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung und Beispiel“ junge Subjekte verführen. In Paris werden zehn- bis zwölfjährige Kinder durch Ueberredung und Drohungen allmählich zur Masturbation und Sodomie verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden herangebildet — „les petits Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und angesichts dieser Thatsachen denkt man an Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den Teufel durch Beelzebub austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen hereditären Urninge leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste aller sexuellen Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.

Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt Tarnowsky ebenfalls (S. 70).

Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von Hobbes in seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. Nam ut aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi impossibile.“ Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die altrömischen Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde auch die Zahl der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir in den Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder bekommen. Hobbes kannte die menschliche Natur zu schlecht.

Wie die einzelnen sexuellen Perversionen allmählich erworben werden, schildert unübertrefflich Tarnowsky: „Der entsittlichte Mensch wendet Alles an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht, das Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle Sinne werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt, um die geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen. Unter diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie vor, als zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die Erregung steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf mit einem Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch äusserer und innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften hinzugezogen u. s. w.“[711]

Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des Molière’schen „le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses erfahrenen Kenners des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das Laster in den Augen der Mehrheit nicht nur verführerisch durch die Kraft, Neuheit oder Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es verleiht in der Sphäre der eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem Wüstling einen gewissen Anstrich von Epikuräismus, Ausgesuchtheit, Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor anderen Menschen, die anscheinend weniger entwickelt, aber sittsamer und enthaltsamer sind.“[712]