Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der Marquis de Sade im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte. Der Gesandte hatte schon öfter Excentricitäten im Genre des Marquis de Sade begangen. Eines Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem Souper ein, bei dem er an diese Mädchen stark irritierende Substanzen verteilte, die sie in eine hochgradig wollüstige Aufregung versetzten.


Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis de Sade noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen nur noch, dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten Berlins“ ein sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698]

Schluss.

Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis de Sade eine Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die ganz anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der aberwitzigen antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften finden. Der Marquis de Sade ist der Erste gewesen, der bewusst alle Erscheinungen der Natur und des sozialen Geschehens unter dem Gesichtspunkte des menschlichen Geschlechtslebens betrachtet hat. Ueber den entsetzlichen Bildern entarteter Geschlechtslust, welche aus einer genauen Kenntnis sexualpathologischer Phaenomene entsprungen sind, darf jene eben angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei des Marquis de Sade nicht vergessen werden. Sie verdient in kulturhistorischer, nationalökonomischer, juristischer und ärztlicher Beziehung die ernsteste Beachtung des wissenschaftlichen Forschers. Es giebt auch hier nur, wie Eulenburg — der mit seiner wertvollen Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in Deutschland die Sade-Forschung inauguriert hat — sich ausdrückt, ein Objekt und ein Problem des Erkennens. Ein geistvoller Psychiater, Dr. Paul Naecke in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer klarer und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf die Bildung des Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu Tage.“[699] Wir fügen hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des sexuellen Faktors in Gesellschaft und Staat. Wir haben selten ein solches Denkerurteil gehört, wie uns gegenüber ein berühmter Anthropologe, der früher mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, über die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte. Er führte zu unserem nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen Erscheinungen, wie sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage traten, auf zwei Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche Verbreitung der sexuellen Perversionen aller Art und auf den — Absynth! Dies ist ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“ der ehemalige Dominikaner Hyacinthe Loyson und der Schriftsteller Yves Guyot den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den, wie uns scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt hätte, und Frankreich daher nach Mirabeau’s Rezept zunächst entkatholisiert werden müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit. Denn die Ursache des Triumphes der schwarzen Bande in Frankreich ist nach unserer Ueberzeugung vor allem die geradezu grauenhafte geschlechtliche Entartung in Frankreich, von der man in Deutschland kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse Frankreich stürzt sich mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse Ekstasen, und bedarf der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige des Brodes. Es ist kein Zufall, dass z. B. Maurice Barrès, dieser dekadente Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt. Nur vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man gewisse direkt an sadistische Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen und Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie z. B. die planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen Dreyfus. Mercier bekommt vom General Boisdeffre den Auftrag, ein belastendes Document gegen Dreyfus herzustellen. Er lässt dasselbe durch den berüchtigten Esterhazy schreiben und dann in den Papierkorb der deutschen Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation und Deportation eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze Generalstab, und nicht weniger die Herren Drumont und Rochefort genaue Kenntnis hatten. Aber das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch weiter gemartert werden. Man entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm ungeniessbare, widerliche Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die Untreue seiner Frau vor; schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit ein Wort auf Papier, so wurde ihm dieses entrissen; schliesslich legte man ihn in Ketten, die ins Fleisch schnitten. Max Nordau hat mit Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen Grausamkeiten gegen einen Unschuldigen die ganze Lügner- und Fälscherbande in echt sadistischer Weise geradezu berauschte.[700] Er hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden Antidreyfusards aus Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie bei der Dreyfus-Affäre zeigten sich auch in der Affäre Voulet-Chanoine sadistische Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden hatten ihren Vorgesetzten, den Obersten Klobb, mitten in Afrika einfach erschiessen lassen. Auch sie fanden — so unglaublich es klingt — in der nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche Verteidiger, die von Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer Verhältnisse u. s. w. faselten.[701] — In allen diesen Dingen macht sich jenes „eigentümliche gallokeltische Element des französischen Volkscharakters bemerkbar, dem neben dem frivol-erotischen auch der lüstern-grausame Zug von jeher nicht fehlte und der in Voltaire’s Kennzeichnung seiner Landsleute als ‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten Ausdruck findet.“[702]

Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande auch ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der zunehmenden sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein gewaltiger Unterschied, und schon Kurtz hat darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast zwischen beiden Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung der germanischen Sitte und Zucht bei Tacitus und der bei Gregor von Tours in dessen Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber edle Einfalt, Gradheit der Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, Heilighaltung der Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale Entartung der merowingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke, Mordpläne, Giftmischerei, Unersättlichkeit nach Schätzen, Ausschweifungen im geschlechtlichen Leben. Und obschon die schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes den Kreisen des Hoflebens angehören, so behauptet Kurtz ganz richtig, dass Entartung auch im Volke eingerissen war.[703] Schon Salvian von Marseille († 485 n. Chr.), der von der sittlichen Verwilderung seiner Zeit in Frankreich ein schreckliches, aber getreues Bild entwirft, behauptet, dass Gott den deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil sie frömmer als die Römer seien.[704]

Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll in Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr Platz greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.

Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer E. Kraepelin teilen, dass die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten erworben und nicht angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie sexuelle Dinge und Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In der dritten Szene von Molière’s „La Critique de l’Ecole des Femmes“ kommt ein Zwiegespräch vor, das auf eine höchst naive Weise diese Wahrheit ausdrückt:

Climène. — Il a une obscénité qui n’est pas supportable.

Elise. — Comment dites-vous ce mot-là, madame?