Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig. Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente geben eine genügende Erklärung und — Rechtfertigung für den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in Sades Romanen zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos von Sade bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen von Predigern der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.

Manuel bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein Bischof in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei Sade zu suchen haben.[76]

Ausser diesen Berichten Manuels existiert noch ein sehr grosses Werk über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.

In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des Pfarrers von Bagnolet und der Mademoiselle Mimie. In der Autographensammlung von Lucas-Montigny befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, M. de Inigué an den Polizeiintendanten Le Noir[78]:

Le clerc de Inigué.
Conflans, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!

Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.

Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und ergebener Diener.

Antoine E. L., Erzbischof von Paris.

Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“

Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir werden in das Bordell der Madame Richard geführt. Sapho (so heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.