So dürfen wir Sade schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).
Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen. Gorani, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der Nonnen von Prato (bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht gezogen. v. Reumont gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern Unordnungen schlimmster Art sich gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess unterwerfen. Zugleich liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen und im Falle von Ungehorsam den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, Scipione de’ Ricci (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral Lorenzo Ricci) von Potter.[111]
9. Die Frau im 18. Jahrhundert.
Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der Frau. Mit Recht meint Georg Brandes[112], dass die Goncourts, diese so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der „Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der Goncourts über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die Frau.“ Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die Regierung der Mesdames de Prie, de Mailly, de Châteauroux, de Pompadour, du Barry, de Polignac. Im Staat, in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer Du Deffand, Necker, Lespinasse, Geoffrin, im Salon des Grandval, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“ geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür, dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse der Frauen ganz gut eine Verachtung des weiblichen Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei. (Goncourts a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer Quinault, unter den unzüchtigen Reden eines Duclos und Saint-Lambert, berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit von der Scham sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von Helvétius u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von Buffon in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. Bernards berühmte Nachäffung des Ovid, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der Abbé Galiani sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]
Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse vor. Immer wieder wird von Sade in seinen Romanen betont, wie sehr durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. Mercier erzählt[119], dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte Schamlosigkeit des Weibes. Mit 30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in Sades Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart empfindende Seele wie Madame Roland kennt kein Gefühl der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei Sade (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize beschreibt?