Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites maisons der Roués mieteten, um wie die Goncourts sich ausdrücken, „die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen ihr Vergnügen suchten. Rétif de la Bretonne glaubte die Gräfin d’Egmont in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die Du Barry! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame Gourdan, von dem später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf Jean Du Barry kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort „s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt wurde sie durch die berühmten „Convulsionen“, jene merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese so berühmten Abbé Paris zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé Bécherand ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine erotische Färbung. Dulaure hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.
Die Hysterie („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame Abricossoff zeigt.[128] Sauvages hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität. Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu verderben. Die Typen der Gestalten Sades lebten! Darüber kann kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer — Liebe aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden Goncourts, dass diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die Goncourts nennen den Herzog von Choiseul, den Marquis de Louvois, den seine Geliebte, Madame de Blot, folternden Grafen de Frise als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für Sades Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor Sade, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter Chaumettes Leitung die „theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die Maillard, die Moncoro, die Aubry auf sehr irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser Schiller mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst: