Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden, verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis de Sade durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“ gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.

Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet die „Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem Jahrhundert unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren die „vestes de petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke zugeknöpft wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen. Aber bei den Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den Rock auf und zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer Weste, welche den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben darstellten. Diese raffinierte Idee macht selbst den bekannten Ausspruch des Ben Akiba illusorisch.

Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken. Bei Sade ist auch die Defaecation wie alles Schmutzige und Widerliche ein Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird von Männern und Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man es glauben? Auch der Akt der Defaecation wurde den Parisern im 18. Jahrhundert bildlich vor Augen geführt. Konnte es ausbleiben, dass einige, besonders starker Reize bedürftige Wüstlinge auch an diesem Akte Gefallen fanden und ihn zur Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten? Johann Friedrich Reichardt erzählt, dass den Vorübergehenden an allen Ecken die schmutzigsten und niederträchtigsten Poissardenlieder und Gespräche, mit ekelhaften illuminierten Holzschnitten, die alle den schmutzigsten Ausleerungsakt scheusslich natürlich darstellten, angeboten und aufgedrungen wurden. Bei den Parisern sei dies Letzte nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten (?), ernsthaftesten Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in die Tasche stecken[190].

Auch in der Skulptur machte sich, wenn gleich natürlich in beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein Sinnlichen geltend. Mit den drei Coustou’s „versinkt die Kunst in die Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck sinnlicher Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das wollüstige Beben und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste. Die Frauen werden dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der wollüstigen Erschlaffung lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen am Hofe Ludwig’s XV. und der Pompadour[191]. Der berühmte Houdon, nach Arsène Houssaye der „letzte Ausdruck (expression) des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle Ideen, alle Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“, seine „Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.

André Grétry, der Hauptvertreter der französischen Musik des 18. Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit liebte, zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft, sondern nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis de Sade ein Mensch seiner Zeit war, der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem der Umstand, dass auch er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen Manie ergriffen war: der Theaterwut, der Mimomanie! de Sade hat nicht nur zahlreiche Theaterstücke geschrieben, sondern auch dilettantische Theateraufführungen veranstaltet.

Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss, zu jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es in Bachaumont’s Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die Pompadour wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die Damen studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an ihrer Privatbühne aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu niedlichen Intriguen und galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des Pierrot und der Colombine zu tragen.“ (Muther).

Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor der Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir haben schon auf Lanjon’s Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und während der Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen, gegen das Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl dieser sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die scheusslichsten sind von Guigoud Pigale („Le triomphe de la raison publique“), Léonard Bourdon („Le tombeau des imposteurs et l’inauguration du temple de la vérité sansculotide, dédiée au Pape“), Sylvain Maréchal („Le jugement dernier des rois“), Desbarreaux („Les potentats foudroyés par la montagne et la raison ou la déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke zanken sieh die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin Katharina sagt zum Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser antwortet: Vous avez un avaloir où les grands morceaux passent aisément. Hierauf giebt jene dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser antwortet durch einen Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und schmutzigen Reden fort. Der Marquis de Sade hatte ein weiteres Vorbild für seine obscönen Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine Mitgefangenen spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“ (London 1788, 2 Bände), für welches sogar Grandval, Caylus, Crébillon und Piron Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen Worten und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach Mercier im Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter Wilder und eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines zahlreichen Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung vollzogen. Der Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen „voyeurs“ der Hauptstadt, die auch in Sade’s Romanen vertreten sind. „La vue des plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon La Mettrie in seiner „L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess endlich die beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der Wilde ein Kerl aus der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine Hure war, die sich sehr ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen Zuschauern auf diese Art verdient hatten.[194]

Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und Tänzerinnen bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie wir später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die „Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen anzuknüpfen“[195].

12. Die Mode.

Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus, viele Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die Moden, die ja in Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider tragen, die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen der Flora, sollten gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. — Das ist die Rolle, welche der Marquis de Sade durch den Minister Saint-Fond (Juliette II, 197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe Saint-Fond empfiehlt der Juliette, sie sollte sich, um den letzten Rest von Scham zu ersticken, halbnackt dem Publikum auf der Promenade zeigen (Juliette III, 125).