Auch hier lässt de Sade die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des Saint-Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es noch Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen auf den Champs-Elysées, vollständig nackt, nur mit einer dünnen Gaze bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]

Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen einer üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf merkwürdige Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die Natur zu verbessern und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren Haaren das Weiss des Alters verliehen.[197] Die Goncourts schildern unübertrefflich[198] die unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18. Jahrhundert mit ihren bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und Verhüllungen, die gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater Girard erschienen die Bänder à la Cadière, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den „rubans à la Cadière“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende die „rubans à la Cagliostro.“

Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr traten die Nuditäten in der Mode hervor. Der Cult der Gaze, die Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die Baronin de V... traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche „nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf, die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque, deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte Therese Cabarrus, die Geliebte Tallien’s, in Paris eingeführt, nachdem sie schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“ entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203]

Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen Hintergrund zurückzieht, recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter Ludwig XVI war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode sehr verbreitet, von der Dulaure sagt, dass er die Trägerinnen der „Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang Piron in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit folgendermassen[206]:

L’aimable C.. de Briséis

N’a point de pareil ni de prix!

Plus rond qu’une boule d’ivoire —

Le croira qui le voudra croire.

J’en ai presque mes sens ravis

Mon cœur de joie en est épris