Et j’ai toujours dans ma mémoire.

L’aimable C...!

Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse Effeminatio in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen, Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene Amoretten wären“[207].

Andererseits war die immer mehr um sich greifende Tribadie Ursache besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes Kostüm. Mercier erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen Tribaden sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209]

13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert.

In Paris hat der Marquis de Sade seine Studien für die beiden berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er den grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser Ereignisse und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, und die Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in seinen Werken sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu überraschender Weise aus der Betrachtung der Prostitution und des Geschlechtslebens in Paris ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, was Montesquieu im 106ten persischen Briefe sagt, dass es die „sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man die „raffiniertesten Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen Bordelle bei Sade mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast durchweg auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen sind Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.

14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.

In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis de Sade das Bordell der Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder Serails, wie de Sade sie nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).

Alcide Bonneau meint, dass der Hirschpark dem Marquis de Sade als Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis de Sade doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode Ludwig’s XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.

Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis de Sade seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der Wirklichkeit entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im Folgenden geschildert werden.