Jetzt wurde die Dirne zur „Göttin der Vernunft“, die alle anbeten müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil werden!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht dar.[236]
Hier wurde das Ideal, das der Marquis de Sade in seinen Romanen aufstellt, verwirklicht: Die Massensuggestion der Wollust! Zu dem unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden hinabzuziehen. Diese Infection der Moral durch das Gift der Wollust hat Rétif de la Bretonne sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten — und unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges — Kinder haben es vor Augen — und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A. Schmidt nach Polizeiberichten — wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint — dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht wurde. de Sade, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „nackte Bälle“, bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der täglichen Dirnenbälle auf mehrere Hundert stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.
Mercier erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz besonderen Reiz ausüben[242]. La Mettrie ruft emphatisch aus: „Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten Tänzerin Camargo und der Jalé[243]. d’Alembert meinte derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]
Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von Casanova erzählte Erlebnisse. Sein Freund Patu führte ihn zu einer berühmten Sängerin der Oper, der Mademoiselle Le Fel, beliebt in ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. — „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ — „Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von Anneci, der zweite der des Grafen von Egmont und der jüngste verdankt sein Leben Maisonrouge, der eben die Romainville geheiratet hat.“ — „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ — „Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie Patu an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
„Mademoiselle Le Fel war gleichwohl nicht frech und gehörte sogar der guten Gesellschaft an, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewusst haben, dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren. Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen zahlten. Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.“[245]
Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah Casanova bei Lani, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerz. Während Casanova ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, sagte Casanova: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]
Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen „verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die berühmtesten Dirnen von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg der Theaterwelt angehören.[248]