Mercier wünscht lebhaft, dass doch Lavater, der berühmte Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und Niemand täusche sich dort. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr Lavater sehr grosse Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris, und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an, man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. Ja, in Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien machen müssen.[271]
Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um 5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht Diderot im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres Goethe. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine merkwürdige Vergleichung.
Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des Palais-Royal.[273]
Vivent les nuits étoilées
De ce jardin enchanteur
Où nos femmes sont voilées,
Aux dépens de la pudeur!
Dessous ces fraiches allées
La moins sage est à l’abri
De la honte et du mari.