Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von Epikurs Gärten:

„Fremdling! hier wird dir wohl sein!

Das grösste Gut ist hier Wollust,“

würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“ (wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu vernehmen:

„Aimons au moment du réveil,

Aimons au lever de l’Aurore,

Aimons au coucher du soleil,

Durant la nuit aimons encore.“

Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der Freudenmädchen. Halem’s Schilderung ist deswegen von Interesse, weil ihr die Ehre widerfahren ist, von Arthur Chuquet, dem treuen Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, ins Französische übersetzt zu werden[267]. Halem, der Mitglied des Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte.

Wenn im Jahre 1772 der Marquis de Carraccioli noch bemerkt, dass das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], die „Kloake von Paris“, wie es Mercier in „Le nouveau Paris“ und Rétif de la Bretonne in seinem grossen Werke über das Palais-Royal geschildert haben. Rétif hat das Leben im Palais-Royal untersucht wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796: „Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels, der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]