In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des Knaben- und Mädchenhandels im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt Rétif de la Bretonne ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt Rétif, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime existierte und — horribile dictu — eine Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete, der davon vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals unterdrückt. Der Censor Mairobert kannte alle Details und machte Rétif damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.[259]

Rétif de la Bretonne hat sich vielfach mit der Organisation der Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770, 1786), einem Buche, in dem man nach Parent-Duchatelet „Fragen von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers Lewis Moore, des Advokaten Linguet und des königlichen Censors Pidanzat de Mairobert.[260] Rétif schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche alle (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab ein vielleicht von Rétif’s Schrift begeisterter Anonymus in einer Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine Superiorin haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf fünfhundert (!) beschränkt.[261]

Rétif’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. Robert nahm in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan Rétif’s wieder auf und schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis de Sade, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf Sade sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ — jede derselben dient einer besonderen Art von Folterung — genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]

15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale.

Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die Dirnenstadt von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich darstellte.“[263]

Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis 1634 von Lemercier an der Stelle der ehemaligen Hôtels de Mercœur und de Rambouillet für den Kardinal de Richelieu erbaut und später eine Zeit lang von Ludwig XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es seinem Enkel, dem Herzog von Chartres schenkte, wodurch es an die Familie Orléans kam. Der Regent Philipp von Orléans inaugurierte das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog Louis Philipp Joseph von Orléans, der berüchtigte Philippe-Egalité liess in den Jahren 1781 bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden umgaben den prächtigen Garten des Palais-Royal, der in Form eines Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264]

In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, also vor dem Umbau aussah, erzählt Casanova[265]: „Neugierig auf diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten, Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte Casanova die Namen aller Dirnen, die dort herumspazierten.

Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat Gerhard Anton von Halem, dem Freunde der Grafen Stolberg und Verfasser der Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain:

Viva l’amour

Viva l’amour!