Ne paie qu’en plaisir.[249]

Die Du Thé schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des Polizeiinspektors Marais vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte die Du Thé keinen Sou! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]

Die Schauspielerin Dubois von der Comédie française hatte einen Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“

Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis de Sade beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.

Die La Chanterie, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]

Neben den Theaterdamen erfreuten sich die Modistinnen und Verkäuferinnen einer grossen Beliebtheit. Die „jeunes ouvrières“ kommen denn auch bei de Sade mehr als einmal vor. Rétif de la Bretonne hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame Devilliers, die für die Gräfin du Barry arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der Gourdan eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert Rétif besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach Parent-Duchatelet[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle und — eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr besuchen.

Dass in den Restaurationen, Cafés, Kneipen u. s. w. die Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. Casanova pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]

Auch das Zuhältertum war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. Der Marquis de Sade zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den Dorval (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht Peuchet in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und Rétif de la Bretonne ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer bestehen. — Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]

Zahlreich waren endlich die Unterhändlerinnen, Kupplerinnen, Begleiterinnen u. s. w., dieses notwendige Correlat der Prostitution, das natürlich bei Sade in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]

Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen „maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, „mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 auf.[257]