Der dritte Band von Rétif’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“ und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten mussten.

Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt Mercier[275]. In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso schön als — leicht gekleidete Nymphen, die dann — die Verdauung befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung.

Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276].

In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf der Prostitution, für die Soldatendirne. Der Garten, die Gallerie und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden „ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern, die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]

Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert. Mairobert ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe et de la volupté française n’approchent pas d’une sorte de spectacle qui s’est établi naturellement et sans frais, bien supérieur, suivant moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. Ce sont les promenades nocturnes du Palais-Royal.[279]

Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale, die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée erhoben. Die Vaux-hall d’été und d’hiver, das Colisée waren die besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse erfreuen konnte.

Ein italienischer Artist Torré oder Torres eröffnete das Vaux-hall d’été im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk, Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.

Das Vaux-hall d’hiver befand sich im westlichen Teile des Stadtteils Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben werden.

Das Colisée war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang, Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der Vermählung des Dauphins (späteren Ludwig XVI.) eröffnet. Schon 1778 ging das Etablissement ein.

Nach Dulaure war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]