16. Die Onanie im 18. Jahrhundert.
Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und beginnen mit der gewöhnlichsten, der Onanie.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei Sade lautet, kehrt fast auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau, hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“ (Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die „französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292). Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“ (Philosophie dans le Boudoir I, 43). —[281]
Mairobert lässt die Madame Richard sich in charakteristischer Weise über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der — Philosophie. In den berühmten Bordellen der Florence, der Paris, der Gourdan, der Brisson, könne man diese Künste sehen. „Viele treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert La Mettrie die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles,
Et l’on s’en plaint chaque jour:
Savez-vous pourquoi ces belles
Sont si froides en amour?
Ces Dames se font entr’elles,