Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame de Furiel. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte zunächst der Zahnarzt der Furiel Saphos Mund, brachte die Zähne in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und — überflüssigen Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen. Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen, frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre neue Kleidung. So wurde sie zu Madame de Furiel geführt.

Madame de Furiel empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.

Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen Liebe, rief Madame de Furiel zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die Furiel Sapho Aufklärungen über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei Stunden.

Nach dieser Erzählung versprach Madame de Furiel unserer Sapho schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich Sapho bereit.

Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den Corridoren: „Die Furiel hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“

Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. Sie schwebte ganz in der Luft, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]

Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem 2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar stand die Büste der Sappho, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von Houdon angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) d’Eon, der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die Büsten der von Sappho besungenen griechischen Tribaden, der Thelesyle, Amythone, Kydno, Megare, Pyrrhine, Andromeda, Cyrine u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in Buffon’s „Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.

Die Aufnahme unserer Sapho gestaltete sich folgendermassen: Alle Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“ trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle Raucourt, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame Furiel sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten dreissig Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]

Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,

De reproduire en soi le superbe modèle.