Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, war von der Madame Gourdan für ihr Bordell eingefangen worden. Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger. Mairobert, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die sich Mademoiselle Sapho nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass Mairobert, als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung widmen.

Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; contre une petite sœur que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der Gourdan entführt worden, wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden wäre. Die Gewohnheit, das Erworbensein der conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.

Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame Gourdan eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden aufgenommen und von der Gourdan nach Paris gebracht, wo sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der Gourdan’schen Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die Gourdan[293]:

„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition mit Gold aufwiegen.“

Von dieser Entdeckung benachrichtigte die Gourdan sofort Madame de Furiel, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden Brief:

„Madame,

ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt — für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten Geschmack haben — denn ich kann eine meinen Neigungen ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.

Verbleibe in Hochachtung u. s. w.

Ihre Gourdan.“

Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die Furiel verkauft.