Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“, besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder gesungen wurden, meist aus den Werken der Sappho. Als alle berauscht waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste, sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen, welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame de Furiel und Sapho.[306]
Fräulein Raucourt,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie verliess den Marquis de Bièvre, dessen Maitresse sie gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.
Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten sapphischen Brief der Raucourt mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen zu lassen:
„An Madame de Ponty,
Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
Brüssel, 21. Messidor.
Sonntag, 10. Juli.
Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben. — Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die Boudoirs. — Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner Enthaltsamkeit.. Es ist zum Sterben.“[308]
Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich erhalten:[309]
Pour te fêter, belle Raucourt,
Que n’ai-je obtenu la puissance
De changer vingt fois en un jour