18. Die Paederastie.

Der Marquis de Sade singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten. Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt. Er ist, soweit wir uns erinnern, der einzige Typus mit hereditärer sexueller Inversion, den de Sade gezeichnet hat. Alle übrigen haben die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben. Wir sind überzeugt, dass Sade, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die Regel. — Bressac entwickelt (Justine I. 162–164) die Theorie, dass der Pathicus, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. Es wäre eine „stupidité“, sie zu bestrafen! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen dürfte. „Ah! sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous f.... des culs, aurait-elle aussi justement proportionné leur orifice à nos membres; cet orifice n’est-il pas rond comme eux, quel être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou ovale puisse avoir été créé par la nature pour des membres ronds. Ses intentions se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). —

Selbst die Tribaden fröhnen bei Sade der griechischen Liebe, sei es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. — Die Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“

Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in Frankreich gefunden. Mirabeau versichert, dass während der Regierung Heinrich’s III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les portiques du Louvre“, und dass unter Ludwig XIV. die Paederastie ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] Heinrich III. war selbst homosexuell gewesen. Heinrich IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter Ludwig XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. Philipp von Orléans, Bruder Ludwigs XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in wie unglücklicher Ehe durch Philipp’s Vorliebe für Männer seine Frau, die deutsche Fürstentochter Elisabeth Charlotte von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was Ludwig XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, Pierre de la Porte, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal Mazarin im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]

In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von Bussy-Rabutin bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von Grammont, der Malteserritter de Tilladet, Manicamp, der Marquis de Biran als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]

Wenn Bouchard von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass dieser „cour était extrêment impie et débauchée, surtout pour les garçons. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie Havelock Ellis und Symonds annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von Orléans gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn Elisabeth Charlotte von der Pfalz über eben diesen Herzog von Orléans schreibt: „Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts; das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir Bouchard’s obige Angaben einigermassen bezweifeln.

Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn Ludwig XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]

Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet Dupin, der Regierungscommissar des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch schändlichere Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die Paederastie häufen sich in schreckenerregender Weise. — Die Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]

In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt Rétif de la Bretonne in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.[325]

Rétif sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]