Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau Berkley in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis de Sade ganz ähnliche Maschinen vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England, vorzüglich in London untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]

Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der Aderlass bei Sade spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen lassen. Sade verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).

Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte Operation. Brissaud erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:

Seigneur du jour Saint Valentin

Fait le sang net soir et matin

Et la saignée du jour devant

Garde des fièvres en tout l’an.

Raulin pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von Dyes u. A. in unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines Broussais und Bouillaud mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. Brierre de Boismont berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]

Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und einfach die Handlungen des Grafen Gernande nachgeahmt hat. Später werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen einzelner Vorkommnisse in Sade’s Romanen bringen.

20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. Jahrhundert.