Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet Sade in seinen Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert zukommt.

Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei Sade künstlicher Anregung und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein Mangel an den verschiedensten Aphrodisiaca zur Belebung der entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon „composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. — Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt Sade auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).

Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der Madame Gourdan reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in Beziehung auf den Marquis de Sade von Wichtigkeit sind und ihr Hauptbestandteil, die Canthariden nach Binz eine „berüchtigte Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis schon von Dioscurides (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter Lucretius infolge des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. Ambroise Paré berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu Paré’s Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo besonders Catharina von Medici dieselben in Frankreich einführte. Am Hofe Heinrich’s III. und Karl’s IX., fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von Richelieu, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren Ludwig’s XV. Mode wurden[338]. Gerade in diese Zeit fällt die Affäre des Marquis de Sade in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame Du Barry, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.

Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der Wirkung beobachtet werden.[339]

Die Kosmetik erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf Vermietungsstände für Sonnenschirme zu errichten, damit die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet, dass Casanova gewiss Recht hatte, wenn er — der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte — der Herzogin von Chartres, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel — was gewiss sehr zweckmässig war — und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.

Als Enthaarungsmittel erwähnt der Marquis de Sade das Rusma, das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. Plenck, einem berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis de Sade allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass Sade sich über die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.

Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die sogenannten falschen Jungfrauschaften, deren grosse Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes Heinrich de Mondeville, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden Schriften von J. Pagel im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, um denen, die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche Dirnen zu erscheinen. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die nicht verheiratet, aber unseligerweise defloriert sind, ihre Zuflucht, um als unverfälschte Jungfern dazustehen, wenn es dazu kommt, sich mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem adstringirende Pflanzen, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der Madame Gourdan berichtet. Auch Sade kennt verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]

Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die Schminken, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]

(Die Marquise klingelt)

Marton