Die Schriften des Marquis de Sade gewähren uns ein erschreckendes Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der Kosmetik aufweisenden Abortiv- und Praeventivmittel im 18. Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus Galliot’s Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en France, de la décroissance de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen Sade’s Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. Sade erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).
Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der antivenerischen Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. Casanova hatte es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette I, 238–240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt Sade am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183–184).
Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln auf der Strasse feilboten.[353]
Wir haben früher schon den Charlatan Agirony und das „Spezificum des Doktor Préval“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse erweckt, als Guilbert de Préval derjenige war, welcher Rétif de la Bretonne in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355]
Préval studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika und — Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es z. B. Madame Gourdan benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den Herrn Préval kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen. Préval ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache dieser Immunität war. Parent-Duchatelet[359] „könnte noch die Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es waren der Herzog von Chartres, der Graf de la Marche, der Marschall Richelieu, der Herzog von Nivernois und andere „Cavaliere“. Auch der Herzog von Zweibrücken liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig ausfielen. Préval wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der Préval aus der Liste ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und Préval ausserdem noch zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann, so ist doch die Begründung desselben sehr fragwürdiger Natur. An einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon Girtanner, der sich in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360] Parent-Duchatelet, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von Proksch mit Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die Furcht vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll, dann dürfen wir diese Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18. Jahrhundert wie — heute: der Condom. Wir haben bereits mehrere Male auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes d’Angleterre“. Als Casanova in Marseille ankam und nach seiner Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte die Schöne „feinere zu drei Francs das Stück“, welche „die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf Casanova sich bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]
Der Condom wurde von dem unter Karl II. lebenden Londoner Arzt Dr. Conton erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363]
Proksch macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (Leo XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ Proksch übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. — „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] Proksch, dieser ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus Kautschuk die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass Alles in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese Einwürfe hat Proksch im humansten Sinne widerlegt. Der Arzt, der die Gesundheit des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt. Er muss auch einen Missbrauch seiner Ratschläge von sich abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (Proksch.)