Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind die Surrogate des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen, vor allem die ledernen Phalli oder Godmichés, die „Consolateurs“, wie sie bei der Gourdan heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo, Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] Sade beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und welche Garnier folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le Boudoir II, 31).

Garnier meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im „Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.

21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert.

„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis de Sade ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). „Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil (Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in Sade’s Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret, trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait excessivement.“ (Juliette II, 151).

„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet, dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden der Liebe macht (Justine III, 231–232).

Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen Esser“. Der Feldzug des Prinzen Soubise in Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100 Thaler kostete.[374] Voltaire sprach sich sehr scharf gegen die überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung Ludwigs XVI. wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das Werk krönten“.[377] Nach Brillat-Savarin waren die Chevaliers und die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie Paul Lacroix bemerkt, ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]

Präsident Henault, der intime Freund der Madame Du Deffand, war bekannt durch seine vortrefflichen Diners. Voltaire redet ihn einmal an:

Henault, fameux par vos soupers!

Rétif beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre bei Grimod de la Reynière fils[379] und berichtete über mehrere „pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan Guilbert de Préval, wo der Dichter Robé seine cynischen Poeme vorlas, bei Herrn de Morfontaine und beim Grafen de Gémonville.[380] Ganz wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren „Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. Casanova schildert ein solches Souper in Marseille.[381]

Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert Reichardt[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten, folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke, welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la liberté)“.