Merkwürdig ist, dass der Marquis de Sade in seinen Romanen bereits den Typus des Vegetarianers und des Antialkoholisten gezeichnet hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich J. Newtons’s Schrift „Return to nature or defence of vegetable regime“, die 1811 in London erschien. Sade führt in Bandole einen typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein Vorläufer von Leopold Schenk. Zwar entwickelt er keine vollständige „Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden durchaus glücklich.[383]

22. Diebstahl und Räuberwesen.

Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis de Sade deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der „berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später besprechen. — Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]

Ungeheuerlich war ja die Geldgier im Frankreich des 18. Jahrhunderts, was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt: „Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, man entehrt sich, wenn man nicht reich ist. Gold ist Alles und das übrige ohne Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das Geld“. Graf Tilly sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous parlerons un autre jour de vos vertus. Montrez moi de l’or“. Das Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame du Hausset sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch in Sade’s Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl, Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan, die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess und sogar durch öffentliche Anschläge zum Eintritt in ihre Reihen einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „tagtäglich Diebstähle und Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris. Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser Bourdroux war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande. Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung vollzogen“.[388]

Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die Spielhäuser.[389]

In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke festzubinden!“ Schmidt betont besonders die „grauenhafte Thatsache“, dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit: man würde sicher nach allen Richtungen hin zu schaudererregenden Ziffern kommen.“[390]

Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und Räubereien in Sades Romanen verstehen.

23. Der Giftmord.

Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen. Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die Brinvilliers und die Voisin geschlechtlich ausschweifende Weiber waren. Sade, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence. (Juliette III, 220 ff.) Sade hat sie deutlich als krankhaft entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach Sade unter Ludwig XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der Brinvilliers einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).

Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).