Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung Ludwig’s XIV. eine wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé Guibourg, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die Giftmischerin Marie Madeleine Marquise de Brinvilliers, die auch der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt.[392] Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, von frühester Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete. Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die Brinvilliers von ihrem Geliebten de Sainte-Croix die Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madame de Sévigné in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive Voisin, die Vigouroux, des Œillets, Delagragne sind die berühmtesten Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die bekanntesten Giftmischer sind Desrues und seine Frau, die sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] Sade, der alle ihm naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen Desrues zusammen mit dem grossen Räuber Cartouche als Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt Rétif de la Bretonne im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S. 1166 ff.) die Affaire Desrues.
24. Mord und Hinrichtungen.
Des Marquis de Sade Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: Wollust und Blut! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der Schrecken verging, alle wirklichen Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber in Sade’s Werken lebt jener Schrecken noch, da wird er vielleicht für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und „Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies ein Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier ist es das Gemälde der Zeit. Wir wollen Sade Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn erkennen. Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon Jules Janin sagte, dass der Marquis de Sade ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor der Revolution die Grausamkeit derselben depravierend auf die Zuschauer, so wirkte während der Revolution die Massenhaftigkeit der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte der edle Beccaria in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk, von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten dies wohl. So verdammt Montesquieu im „Esprit des lois“ die Foltern und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und Voltaire hörte niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen hauptsächlich die Vierteilung, das Rad und der Galgen gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des Grafen de Lally im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der Hinrichtung war das Rad, das denn auch bei Sade öfter vorkommt. Der unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der schauerlichen Hinrichtung des Damiens kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des Strassenräubers Cartouche und seiner Bande (27. November 1721), des Räubers Nivet und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des Deschauffonis, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der Gattenmörderin Lescombat durch den Galgen (1755), des Damiens durch Vierteilung (1757), des Giftmörders Desrues und seiner Frau durch das Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen überschüttete.[399]