Unverkennbar hat der Marquis de Sade diesen Eisturm von Avignon, der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176, 221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August 1792, von der Carlyle sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene Septemberwelt „dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft Carlyle aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]
Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin Lamballe wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln von Schnurrbart — grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von Jourgniac’s 38stündiger Todesangst[414], von Matons Erlebnissen vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen Abbé Sicard.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen Tausendundneunundachtzig, worunter Zweihundertzwei Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei Carlyle nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die „grands terroristes“, die grossen Schreckensmänner, Gestalten der Hölle, die Fouché, Collot, Couthon in Lyon, die Saint-André in Brest, die Maiquet in Orange, Lebon (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen Lebon) in Arras und Carrier in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach Carlyle) schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des Marquis de Sade in — Wollust.
Schon Brunet hat den grössten der grossen Terroristen, Jean Baptiste Carrier als einen derjenigen bezeichnet, die Sade als Vorbild für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].
Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen Fleury[421] haben dies vollauf bestätigt. Carrier war ein Schlächter und Henker aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten und Oberaufseherin Caron sich den widerlichsten Orgien hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er liess schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken. In seinem Serail an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe Julliens an Robespierre heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die Caron diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde ward und zu den „Noyades“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt Carrier, „wurde senkrecht vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche Grandmaison, der Helfershelfer Carrier’s, die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „republikanischen Hochzeiten“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da ruft Carrier aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (Carlyle).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie Sade und mit ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor dem ‚flambeau de la philosophie‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In Lyon, wo Collot-d’Herbois haust, „fliessen die Gossen auf der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so zur Gewohnheit geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, Mordbanden wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum Schuster Simon mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des düsteren Saint-Just, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder (Verguiaud).