In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern vergewaltigt (Madame Roland in ihren Memoiren); aus den Haaren guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon war nach Montgaillard eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]

Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es Houssaye in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: André Chénier.

La sainte guillotine va tous les jours!

Und endlich kommt jener neunte Thermidor, der das Ende der Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen Robespierre, jener Tag, dem Marie-Joseph Chénier in der wunderbaren „Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:

Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance:

Tu vins purifier un sol ensanglanté:

Pour la seconde fois tu fis luire a la France

Les rayons de la Liberté!

25. Ethnologische und historische Vorbilder.

Der Marquis de Sade war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle, welche bei Sade die Ethnologie spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell Frankreich an, wo J. F. Lafitau im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich Voltaire in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen eines Bouguer, La Condamine, Bougainville, La Pérouse, Marchand, d’Auteroche, Duhalde, Charlevoix, Savary, Le Vaillant, Volney, Dumont. Man fing an — zwar noch in roher und primitiver Weise — die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres Seume. Lafitau schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429]