Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei Sade. Er rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich durch grosse Schamlosigkeit auszeichnen, um dadurch der von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122–28). James Cook hat in der Südsee überall die Paederastie verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist. Die Grausamkeit der Frauen ist in der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von Sade immer und immer wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt Sade öfter die bekannte Geschichte des Amerigo Vespucci (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt Sade für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert Cook’s Reisen, Paw’s „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“ (Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus Peloutier’s berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das seither oft citierte Werk von Brantôme, wobei er ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).
Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer Scheusale verwertet Sade. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache Verbindung Nero, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin Theodora nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV, 341).
Ueberaus häufig citirt Sade den berüchtigten Marschall Gilles Laval de Retz (Rais — z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 — über den Bossard und de Maulle eine ausgezeichnete Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist, Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht oder durch Gilles de Retz selber, der Hals abgeschnitten, wobei Gilles den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures, des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis vicium et peccatum sodomiticum commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden Sade’s über ihre Unthaten. Schon Eulenburg hat hervorgehoben, dass der Marquis de Sade nicht nur dem Marschall Retz an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine), der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des Gilles de Rais zu Tode zu martern.[434]
Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade schildert, wenn er auch auf ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. Michelet, „gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435] Michelet erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich selbst.
Sade erwähnt sehr häufig den Grafen Charolais (z. B. Philosophie dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser Graf von Charolais (1700–1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach Moreau den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé de Beauffremont soll die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] Sade hat ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).
Nach Michelet (a. a. O.) liebte dieser Charolais das schöne Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz von Condé, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter Santeul, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von Bourgogne und den Grafen Charolais diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame de Prie. Eines Tages erschien, wie Michelet erzählt, bei derselben eine Madame de Saint-S., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et Charolais la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der de Prie locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt Michelet, dass der Herzog von Bourgogne diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich.
Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und Entlehnung. Die Goncourts erzählen von dem Herzog von Richelieu, dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen weinen zu sehen.[439] Bei Sade (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu machen.
Der berüchtigte Anthropophage Blaize Ferrage, genannt Seyé, scheint ebenfalls dem Marquis de Sade als Vorbild gedient zu haben. Dieser Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] Sade schildert ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie Ferrage im Gebirge sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).
Brunet erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der Graf von Potocki, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis de Sade“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In Lyon waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und Michelet mit Recht in seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
Wir können diese Bemerkung Brunet’s noch durch eine merkwürdige Stelle bei Sade bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt Sade ausdrücklich, dass dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel (Justine IV, 64–71).