Jean Paul Marat, auf den der Marquis de Sade am 29. September 1793 eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er „geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen Massenmorde an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des Marquis de Sade antreffen.

Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine Autobiographie des Marquis de Sade“ seien, dass Justine identisch sei mit der Mademoiselle Aroût, Juliette mit der Gräfin de Bray.[443]

Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen, der in Sade’s Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter Ludwig XIV. trug der Intendant Bullion immer eine goldene Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.

26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.

Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis de Sade mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der italienischen Zustände, die mehr als drei Bände der „Juliette“ in Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung kommen in Sade’s Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein Kern von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, bestimmte von Sade geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen kurzen Blick werfen wollen.

Italien ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den spezifisch katholischen Ländern, an den Stätten der Askese und des Coelibats gediehen ist. Brauchen wir an Pietro Aretino, an Papst Alexander VI., an Lucrecia und Cesare Borgia, an Giulio Romano und Augusto und Annibale Carracci, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer in Boccaccio’s „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die Renaissance und der Jesuitismus bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.

Der Marquis de Sade schildert die Verbreitung der Prostitution in Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen Festen in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. Sade berichtet denn auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine wahre Hure nennen, die 23000 Mal — gesündigt habe![446] Casanova fand die Gärten des Grafen Friedrich Borromeo auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne Geschlecht an“. — Bologna, dessen sittliche Corruption auch von Sade geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben in Venedig, von dem der Marquis de Sade schreckliche Dinge erzählt (Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? Nach Venedig ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur ein bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus der Nobili.[449] Montesquieu schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] Casanova berichtet interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. Sade erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei Casanova kommen ebenfalls die galanten Abenteuer des Prokurators Bragadin vor.[451]

Italien ist das gelobte Land der Paederastie, noch heute. Drastisch sagt der Marquis de Sade, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J. Winckelmann beweist. Schon Dante erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst Sixtus IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf Sixtus IV. fand der folgende obscöne Vers Anwendung:

Roma quod inverso delectaretur amore

Nomen ab inverso nomine fecit Amor.