Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis de Sade sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis de Sade war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die Wollust in Theorie und Praxis zu seiner Lebensaufgabe.

Der Vater des Marquis de Sade, der Graf Jean Baptiste François Joseph de Sade wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine Verheiratung mit Marie Eléonore de Maillé, der Nichte des Kardinals Richelieu, Hofdame der Prinzessin Condé. Auch der grosse Condé hatte eine Maillé geheiratet. Der Comte de Sade wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741–1746.

Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis de Sade, der sich als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist Louis-Marie de Sade, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu Pathen den Prinzen Condé und die Prinzessin Conti, wurde Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]

3. Die Kindheit des Marquis de Sade.

Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des grossen Condé, wo Donatien Alphonse François, Marquis[483] de Sade geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie ihn Michelet und nach ihm Taine genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]

Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der Persönlichkeit des Knaben Sade, die alle wenig verbürgt sind. Nach Uzanne[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse schwarze Augen hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. Lacroix verleiht ihm eine „zierliche Figur, blaue Augen und blonde, schön frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]

Richtig ist wohl nur, dass der Marquis de Sade wenigstens als Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis de Sade darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn de la Porte stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.

Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.

In welcher geistigen Verfassung der Marquis de Sade das Collège Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem deutschen Autor, der das Leben Sade’s mit kühner Phantasie aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass Sade die Musik sehr liebte, bestätigt Paul Lacroix[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).

Janin meint, dass Sade schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als Maximilian de Robespierre in dieselbe eintrat.[491]