Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von Francesco Petrarca, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner Laura, der Madonna Laura, der Vielgeliebten? Jener Laura, der wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis de Sade? Jene Laura, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter Audibert de Noves, war die Gemahlin eines Hugo de Sade, des Stammvaters der Familie de Sade.[477] So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses derer de Sade blieb Laura der Schutzengel derselben und vereint mit Petrarca, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden Verehrung. Sie war nach Janin die „weisse Dame“ des Hauses de Sade, der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, Petrarca, ewig Ruhm und Dank! Selbst der Marquis de Sade, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)

2. Die übrigen Vorfahren.

Hugo de Sade, der Gatte Laura’s, der Stammvater der Familie, genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen Paul de Sade Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin Jolande von Aragonien. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.

Hugo oder Hugonin de Sade, der dritte Sohn des ersten Hugo de Sade und der schönen Laura war der Stammvater der drei Zweige des Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.

Sein ältester Sohn Jean de Sade war ein gelehrter Jurist, der von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder Elzéar de Sade, Grosskanzler des Gegenpapstes Benedikt XIII., dem Kaiser Sigismund so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.

Pierre de Sade, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen schlechten Elementen.

Jean Baptiste de Sade, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb „Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er starb am 21. Dezember 1707.

Joseph de Sade, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens, nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.

Hippolyte de Sade, dem Voltaire zu seiner Hochzeit am 12. November 1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. Er starb vor Cadix im Jahre 1788.

Jacques François Paul Alphonse de Sade, der Onkel unseres Marquis de Sade, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der dritte Sohn von Gaspar François de Sade und widmete sich dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame de la Popelinière, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne Laura wurde für François de Sade der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes Werk über Petrarca und seine Laura, welches noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.