1. Die Affäre Keller (3. April 1768).
Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste ist die der Madame du Deffand in einem nur 10 Tage nach dem Ereignis geschriebenen Briefe an Horace Walpole, den englischen Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! — Ein gewisser Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn de Sade. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der Salbe festzustellen. — Das ist die Tragödie, die Sie etwas unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame Du Deffand: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn de Sade. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am selben Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess Sade verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die Marquise Du Deffand, wie der zweite Brief beweist, genau informiert war, als den glaubwürdigsten bezeichnen. Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass Marciat mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. — Jules Janin[505] erzählt, dass der Marquis de Sade in Arcueil eine in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, Rosa Keller, Witwe eines gewissen Valentin begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot suchte. Sade redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit den beiden Freudenmädchen begann. — Dann folgt die Schilderung der Flucht der Keller, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.
Diese Darstellung giebt auch Eulenburg[506] und findet darin jene „eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck ‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in „Stimmung“ zu bringen“.
Lacroix berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder zusammenklebte.[508]
Rétif de la Bretonne, der den Marquis de Sade seit 1768 kannte, giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der Marquis de Sade die Keller auf der Place des Victoires getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen. Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint Rosa Keller das Opfer einer indecenten und abscheulichen Mystification geworden zu sein. Cabanès hat von Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. Rosa Keller sei, erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von Brierre de Boismont[510], die Marciat auf die Affäre Keller bezieht, die wir aber für einen besonderen Fall halten. Brierre de Boismont erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von einem Freunde, der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten Marquis de Sade in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach Brierre de Boismont wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre Keller verlief für den Marquis de Sade sehr glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem Rosa Keller ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen Neigungen freien Lauf. Herr von Montreuil erwirkte schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis de Sade auf sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der Beauvoisin vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester anzukündigen. Sade, den die Begierde nach dem Besitze dieser Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung finden werde. So fasste er nach Lacroix den Plan, eine besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als