2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).
Bachaumont’s geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf de Sade, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]
Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach Lacroix,[514] der die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der Marquis de Sade mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. Sade liess sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von Montreuil beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren sie nach einer Stunde davon.
Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig, da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht belästigt“ wurden.
Rétif de la Bretonne verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass Rétif, der stets einen glühenden Hass gegen den Marquis de Sade gehegt hat, Niemanden an den Folgen dieser Orgie sterben lässt.[515]
Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter hervorgehoben wird.[516]
Vor einigen Monaten hat Dr. Cabanès in seiner Studie über den Marquis de Sade ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.“ Nach diesem Bericht weilte der Marquis de Sade im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein Mann, von dem man ihr gesagt habe, dass es der Marquis de Sade sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker die Abwesenheit jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (Cabanès a. a. O. S. 266–272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so berühmten Affäre der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die Freudenmädchen.
Der Marquis de Sade wurde vom Parlament in Aix am 11. September 1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den Kanzler Maupeou zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch Vermittelung des Grafen Marmora, Gesandter des Königs von Sardinien in Paris, an den Grafen de la Tour, Generalkommandant von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf de Mazan zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so lebhafter Geist nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. de la Tour berichtet, dass Sade zwei Zimmer bekam, welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. de Sade hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen den Festungskommandanten de Launay, ihrem Gatten doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht des Marquis vor, sodass Marmora in einem Briefe vom 1. März 1773 de la Tour bitten musste, für strengere Bewachung de Sade’s Sorge zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem Marquis, die Wachsamkeit de Launay’s einzuschläfern, der über die angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an de la Tour in mehreren Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte de Sougy („Baron de l’Allée“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach Italien.[519] de Sade liess dem Gouverneur, Herrn de Launay, einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. Letztere, nicht seine Schwägerin, wie Eulenburg annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und von Cabanès veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (Cabanès a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies vergeblich.