Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade, seine obscönen Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten Auflage nur obscön ist, ohne die blutigen Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet Marciat, dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis de Sade, die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im Gefängnis concipiert, in der Revolution ausgeführt und nach den äusseren Eindrücken derselben verändert wurden.

Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis de Sade zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen einen gewissen Villeterque.[545] Marciat macht darauf aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem Sade schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach Marciat bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B. bei Voltaire und Mirabeau. Und man kann Sade daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]

Ueber das Privatleben des Marquis de Sade während der Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis de Sade im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die „hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547] Cabanès berichtet — freilich ohne Quellenangabe — dass, als die aufrührerischen Bauern 1790 de Sade’s Schloss Lacoste zerstörten, man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] Rétif de la Bretonne, der die Affäre Keller und den Marseiller Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis caedebatur ...“[549]

Eine andere Geschichte Rétifs, in der Sade unter dem Namen Bénavent vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile Jacob hält es für zweifellos, dass Rétif den Marquis de Sade persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.

Besonders bemerkenswert ist die politische Thätigkeit des Marquis de Sade während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit Clermont-Tonnerre haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des Robespierre. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde Robespierre’s waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. Sade war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? — Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] — Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.

Sade war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen Marat, auf den er nach dessen Ermordung durch Charlotte Corday die noch erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild Marat’s schrieb er die Verse:

Du vrai républicain unique et chère idole,

De ta perte, Marat, ton image console.

Qui chérit un grand homme adopte ses vertus,

Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]