Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis de Sade von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste des ci-devant nobles“ von Jacques Dulaure, die im Jahre 1791 erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis de Sade (Biographie universelle)[554]. Nach Cabanès behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der Herrschaft von Robespierre und Fouquier-Tinville bestehen liess.“ (Cabanès a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis de Sade menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern, obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch Rovère seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den Besitz einiger Geldmittel gelangte.
Sade lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren Verbleib, besonders was das Exemplar des Barras anbetrifft, man genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis de Sade einen Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges Pamphlet gegen Joséphine de Beauharnais (Zoloë), die Damen Tallien (Laurenda) und Visconti (Volsange), gegen Bonaparte (Baron d’Orsec), Barras (Vicomte de Sabar), einen Senator (Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht hingeben.
Wegen dieses Pasquills wurde Sade am 15. Ventôse des Jahres IX (5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. Sade wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass Sade in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht. (Cabanès, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt confisciert worden.
Aulard hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter Th. Desorgues, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain:
Oui, le grand Napoléon
Est un grand caméléon
verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche Schicksal traf den Forstmeister de Laage, sowie den Abbé Fournier. Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (Cabanès S. 294–295). Bei Sade hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich Marciat mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. Sade, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]
Ueber den Aufenthalt des Marquis de Sade im Irrenhaus zu Charenton besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes Royer-Collard[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.
Paris, den 2. August 1808.
Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator und Polizeiminister.