Toujours ferme, toujours égale,
Sous la pourpre pontificale
Ne dédaigne point le malheur.[566]
Ueber den Eindruck der Persönlichkeit des Marquis de Sade während seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte Nachrichten vor. Janin schildert recht lebhaft den corrumpierenden Einfluss, den Sade in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] Lacroix erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt sind, keinerlei Widerwillen dagegen empfanden, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ Charles Nodier, der den Marquis de Sade einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der „Biographie universelle“ bewahrte Sade bis zu seinem Tode seine schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein robuster Greis ohne jede Schwäche.
7. Der Tod.
Der Marquis de Sade starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres 1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Ueber diese Krankheit berichtet de Sade schon in einem Briefe vom 17. Juni 1808 an den Kaiser Napoléon. Der Brief ist gegenwärtig im Besitze des Herrn Noël Charavay, der Cabanès die Einsicht und den Abdruck (Cabanès a. a. O. S. 312) gestattete. de Sade beklagt sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70 Jahre alt, fast blind, von der Gicht heimgesucht (der Krankheit aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an, ihm endlich die Freiheit zu geben. — Eine von Dr. Ramon, dem Arzte de Sade’s, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an „Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis de Sade an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass, da der Sohn Armand de Sade anwesend sei, die Behörde es wohl nicht nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde. (Cabanès a. a. O. S. 311–312). Am Abend vorher hatte er noch diese Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler Gall’s auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute, die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören. Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen, von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse ‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das Jules Janin zuerst veröffentlicht hat:[571]
„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer, in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No. 101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, wie ich hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht werden wird.
Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und Gesundheit, am 30. Januar 1806.
D.-A.-F. Sade.“[572]