2. Die Vorrede.

Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, dass die Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor verstorben sei und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon zu Lebzeiten desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben des Werkes veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer Abdruck des Originals. Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in einem „philosophischen Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der Schriftsteller, dem alle „Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, dürfe von allen möglichen Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch machen. „Nur die Dummen nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend erschrickt nicht über die Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur eine weitere Förderung. Man wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. Aber wer wird schreien? Die Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein Buch wird eine lebhaftere Erwartung erwecken und das Interesse so anhaltend fesseln. In keinem sind die Herzensregungen der Lüstlinge geschickter dargestellt und die Einfälle ihrer Phantasie so lebenswahr ausgeführt. Nirgendwo ist geschrieben, was man hier lesen wird. Haben wir daher nicht Grund zu glauben, dass dies Werk bis in die fernste Zukunft dauern wird? Die Tugend selbst, müsste sie auch einen Augenblick zittern, muss vielleicht einmal ihre Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein so pikantes Werk zu besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem stärksten und kühnsten System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen verbunden ist.“

Man sieht, dass der Marquis de Sade selbst von der Einzigartigkeit seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein alle ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun dazu über, uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu machen. Wir sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache keine zuverlässige Analyse des Sade’schen Hauptwerkes existiert, dass vielmehr, trotzdem so viel davon gesprochen wird, zu den bestunbekannten Dingen gehört.[575]

3. Analyse der „Justine“.

Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert werden. Die Tugend, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel des Romans. —

Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.

Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen.

Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt. Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren Maske“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“

Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.

Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem 60 Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich zu einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine sich weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu folgen, wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin und Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: Der Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse Lobrede auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt sei. (Justine I, 88–99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande entflieht Justine mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der Erschiessung gerettet hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen giebt. Sie steigen in einem Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die arme Justine vom Regen in die Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent enthüllt sich als ein bösartiger Lüstling. Schon im Hotel schleicht er herbei, um Justine bei der Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses zu beobachten. Bei anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und kommen in einen Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen Schlag mit dem Stocke, so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt seine Lüste an ihr und lässt sie in einem traurigen Zustande und bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur das Gebet die unglückliche Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch versteckt, da sie das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und wird so unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem jungen Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien Jasmin. Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber wieder befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe zugeführt. Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die ihren Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so dass die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine von einer heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten und im höchsten Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt die Annäherung Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften Grundsätzen bekannt zu machen und ihren Charakter zu verderben. Auch veranstaltet er in ihrer Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er die eigene Mutter vergewaltigt. Er kündigt darauf Justine an, dass er seine Mutter beseitigen wolle, die ihm schon längst im Wege sei. Das Entsetzliche geschieht dann auch inmitten wildester Ausschweifungen. Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde teilzunehmen, soll ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem Städtchen Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin geleitete Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine sehr freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist 36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet sich noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine Pension und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. Rodin unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder Lehrer wird zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden können. Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie das geheime Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s Neigungen zu teilen, er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, die sich in einem cabinet d’aisance aufhält, et defaecatione filiae delectatur. Da im weiteren Verlaufe ihres Aufenthaltes in diesem Hause der Wollust Justine den Anerbietungen der Geschwister hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu entfliehen sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen Rombeau zu ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen Experimenten benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen Orgien die — Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit einer Brandmarkung davon und wird fortgejagt.