Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber von dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das Kind sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich auf sein Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen Schlosse. Er hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und sie dabei sofort zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 Monaten von ihm erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich hat er 30 Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und Vegetarier und hält auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit sie Kinder bekommen. Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, und lässt sie nachher 9 Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse hoch. Das sind seine conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann dem Gebärakt bei, was ihm stets besonderen Genuss bereitet, und führt selbst allerlei Operationen dabei aus, u. a. die Sectio caesarea. Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist, von Cœur-de-Fer befreit, den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die Freiheit giebt.
Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, dessen Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als gefährlicher Wüstling und Paederast entpuppt, der mit den nicht weniger ausschweifenden Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische Orgien feiert. Zwei „Serails“ von Knaben und Mädchen sind im Kloster, die von einer Messalina namens Victorine beaufsichtigt werden. Bei den nun geschilderten Ausschweifungen sind die verschiedensten sexualpathologischen Typen vertreten. Einer sucht seine Befriedigung darin, Frauen zu ohrfeigen, ein Anderer liebt besonders Menstruirende, ein dritter den Geruch der Achseln. Der Mönch Jérôme sagt: „Ich möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich möchte sie lebend essen, ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut geschlürft.“ Justine, die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft geschlossen hat, wird von dieser mit den geradezu raffinierten Einrichtungen dieses klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden Vorschriften und den Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt gemacht. Die Mönche vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens, Kochens, Räderns, Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen den zahlreichen Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben gehalten, so von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange wollustreiche und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner Thätigkeit hat es ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester besonderes Vergnügen bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu lassen. Er ist auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in Paderborn und Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach Sizilien, wo die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen das verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt, der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch des Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. Von Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich zurück, wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit hat, die dortige Corruption zu studieren.
Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger Mädchen. Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an die Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs Dorothée d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des Besitzers einer einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste ausplündert und bestialisch ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, mit ihrem Manne in sehr schlechtem Einvernehmen und bittet Justine, mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder einmal in eine Falle gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern das an ihnen zu begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich jedes Mal nach vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin besorgen muss, die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll ihren und seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und umgarnen. Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages kommt ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande, ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen Frauen, deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in schauerlichster Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame Gernande zu tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in der Familie Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr de Verneuil kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter Cécile und Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere Spezialität des sexuellen Genusses. Er bezahlt reiche Frauen und bestiehlt arme! Er veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer „Ottomane sacrée“, über der ein Bild Gottes hängt, das Veranlassung zu schrecklichen Gotteslästerungen giebt. Nach mehreren ähnlichen Szenen, wobei Justine einmal in einen tiefen Brunnen fällt, aber wieder herausgezogen wird, und Bressac grosse Reden gegen die Unsterblichkeit der Seele hält, werden die Tochter und die Frau Verneuils getötet. Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent wieder, dessen Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin bei seinen Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm eingesperrt und muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel auflecken. Nach der unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und begegnet ausserhalb Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann Justine die Börse raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer Bettlerbande, bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast und Jesuit Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz weitläufig erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt auch aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt. Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls ein gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein Schloss gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe seines Schlosses, wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche Geräte, Krucifixe, Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses Scheusal als sexuellen Sport das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen seiner weiblichen Opfer, da dies ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie Roland an sich selbst öfters erprobt hat und Justinen demonstriert, die ihn aber zur rechten Zeit wieder abschneiden muss. Schliesslich wird Justine von Roland in einen mit Toten gefüllten Abgrund hinabgestossen, aus dem sie am folgenden Tage, da er das Schloss verlässt, von seinem menschlicheren Nachfolger Deville gerettet wird. Eines Tages wird die ganze Falschmünzerbande verhaftet, nach Grenoble gebracht und zum Galgen verurteilt. Justine wird aber durch die aufopfernde Thätigkeit eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am Gerichtshofe in Grenoble, befreit, der auch eine Sammlung für sie veranstaltet.
In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur Baronin avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis zu Paris, die sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ einführt und sie zur Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten sucht. Justine verrät diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn er ist bereits von der den Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. Justine wird auf der Landstrasse von drei Männern überfallen, die sie in ein Landhaus des Erzbischofs von Grenoble führen, in dem die rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert. Dieser Erzbischof ist natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und Grausamkeit; ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat sich einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois wieder eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und ins Lyoner Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch den wieder einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, Cardoville, zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft von Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine wird eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen an ihr die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten laufen. Danach legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen Stacheln besetztes Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu wilden Ausbrüchen derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine ins Gefängnis zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des Wüstlings Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der Gefängniswärter, für den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, entschlüpfen.
Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit vier Herren. Es ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir alles das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und auf ihm nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, wohin sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung versehen, und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà bien ici les Malheurs de la Vertu!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, là, mes amis, les Prospérités du Vice!“
Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die Sie alles wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage aufs Land. Aber Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; um sich von der Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu überzeugen, dass es keine extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht in einen Salon des Schlosses, setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf einem Stuhle Platz, und Juliette fängt an zu erzählen.
4. Analyse der „Juliette“.
Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“, die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung der „Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft infernalischen Bildern schildert.
Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“ seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die Juliette und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende Freundin Euphrosine in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht. Sie besitzt „le tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und ist von einer „deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen Mädchen von 8 bis 15 Jahren ihr materialistisches und antimoralisches System der Philosophie, hat Holbach und La Mettrie studiert, definiert das Gewissen als ein „Vorurteil, das durch die Erziehung eingepflanzt wird“, spricht von Nerven- und Elektricitätsfluida, objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w. Sie inszeniert grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de Volmar, „die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die 17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie, sowie Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und bescheiden. Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird die Virginität ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène vermittelst eines Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze Gesellschaft nachts durch ein Grab in der Kirche in die Katakomben des Klosters hinab. In diesen befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern versehener, künstlerisch ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige Laurette ihrer Defloration harrt neben zwei Mönchen, dem 30jährigen Abbé Ducroz, Grossvikar des Erzbischofs von Paris, der besonders mit der Aufsicht über das Kloster Panthémont betraut ist, und dem 36jährigen Pater Télème, einem Franziskaner und Beichtvater der Novizen und Pensionärinnen des Klosters. Mit cynischer Offenheit erklärt die Delbène der erstaunten Juliette, dass man sich hier mit den Priestern zum Zwecke sexueller Ausschweifungen und Grausamkeiten (horreurs, atrocités), versammle, möglichst fern von der Oberwelt. Hier werden die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun folgenden Orgien spielt die natürliche und künstliche Paedicatio inter mulieres et viros eine grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten Mädchen empfohlen mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais de maladies, et des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem Tische festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen. Die Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man in den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von ihr ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.
Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der Delbène sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer gewissen Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich befindet. Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester Justine.