»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?«
»An Sie.«
»An mich … gib her.«
Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme sinken.
»Was gibt’s?« fragte Leschnew.
»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief.
Leschnew begann wie folgt zu lesen:
»Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen. Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz, einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen, daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig achtende
D. R.